Datum/Zeit
Date(s) - 21/03/2020
10:00 - 10:45

Veranstaltungsort
Universität Würzburg, Zentralen Hörsaal- und Seminargebäude Z 6

Kategorien


Vortrag von Prof. Reinhard Werth
Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin, München

Rasche und effektive Reduktion von Lesefehlern durch eine ursachengerichtete kompensatorische Therapie

Lesen ist eine komplexe Tätigkeit, an der mehrere Hirnleistungen beteiligt sind. Die Einschränkung jeder dieser Leistungen kann zu Lesestörungen führen, die nach Kriterien des ICD und der S3 Leitlinien als Lesestörung diagnostiziert werden.
In vier unabhängigen Untersuchungen an 326 Kindern mit Lesestörungen konnten wir zeigen, dass bei Kindern ohne okulär oder cerebral bedingte Sehstörungen und ohne Hörstörungen, Lesestörungen auftreten:

  1.  Wenn die individuell benötigte Fixationszeit nicht eingehalten wird.
  2.  Leser*innen mehr Buchstaben eines Wortes simultan zu erkennen versuchen, als es ihrer individuellen Fähigkeit zum Simultanerkennen entspricht.
  3.  Leser*innen versuchen, mehr Buchstaben eines Wortes simultan zu erkennen, als innerhalb des visuellen Aufmerksamkeitsfeldes liegen.
  4. Beim Lesen eines Textes Blicksprünge ausgeführt werden, die größer sind als die Anzahl simultan erkannter Buchstaben.
  5. Wenn Leser*innen ein vom visuellen System korrekt analysiertes Wort oder Wortsegment aussprechen, bevor die Lautfolge vollständig aus dem Gedächtnis abgerufen wurde.

Ergebnisse von vier Therapiestudien

Eine auf diesen Ergebnissen aufbauende kompensatorische Lesetherapie ergab in 4 Studien, bereits
nach nicht mehr als 30 Minuten Training, eine Reduktion der Lesefehler beim Textlesen um fast zwei Drittel.
Der Therapieeffekt lag in diesen Studien zwischen Hedges g = 1,699 (95%, KI: 1,226–2,203) und Hedges g = 2,021 (95%, KI: 1,561–2,528), während in Kontrollstudien kein Effekt nachweisbar war.
Dadurch waren alle Einflüsse auf den Therapieeffekt kontrollierbar, der Therapieeffekt war mehrfach wiederholbar und das Therapieverfahren erwies sich als deutlich effektiver als bisherige Therapieverfahren.